Joseph Kony, Superstar

Über die Probleme in Uganda gäbe es viel Komplexes zu berichten.

Mit ihrem Video “Kony 2012″ haben aber drei junge Männer aus den USA zur Verblüffung aller Hilfsorganisationen die Gestaltungshoheit über den Uganda-Dialog gewonnen. Die Gründer der Hilfsorganisation Invisible Children stellen darin Joseph Kony an den Pranger, den blutrünstiger Leiter der Guerilla-Truppe “Lord’s Resistance Army”, die aus Kindersoldaten besteht.

Doch das virale Video sorgt für ebensoviel Kritik wie Zustimmung.

Jason Russel und seine Freunde wollten Kony in der Öffentlichkeit – also vor allem bei jungen webkundigen Menschen in den USA, die Uganda nur vom Hörensagen kennen – bekannt machen und mit einer viralen Kampagne Druck auf Präsident Obama ausüben, damit er Kony gewaltsam beseitigt.

Das Video drückt ordentlich auf die Gefühlsdrüse und der Plan ging auf. Die Kampagne ging so rasant über Youtube viral, wie noch nie eine soziale Kampagne vor ihr. Seit 5. März haben 66 Millionen Menschen sich den Link angesehen, auf Facebook ist man vor Kony-Links mitfühlender Freunde nicht mehr sicher und bei Twitter gehört #StopKony zu den trending (meistdiskutierten) Topics.

IC wurde mit Spenden überhäuft – allerdings auch mit Kritik. Kritiker geben zu bedenken, dass Kony längst nicht mehr in Uganda tätig ist, die USA bereits mehrfach erfolglos versucht haben, Kony zu fassen, dass das Problem Kony entsprechend eines der geringeren Übel in Uganda ist, dass IC mit der Armee in Uganda kooperiert, die ihrerseits für brutale Vergewaltigungen und Morde bekannt ist, und das nur ein Drittel der Spendengelder tatsächlich nach Uganda fließt – der Rest deckt Overheads und Marketing, wie eben die Produktion dieses Videos.

“Wurden Ge-Biebert”

Der Konkurrenz ist die Verblüffung anzumerken, wie IC ein Thema derart in die Weltöffentlichkeit rücken konnte, an dem andere Hilfsorganisationen bislang unter Ausschluss der Öffentlichkeit arbeiteten – zumal mit einem derart schleißigen und reißerischen Ansatz.

“The aid industry has just been Biebered”, schreibt Marc DuBois, UK-Director von Ärzte ohne Grenzen, mit Hinweis auf Teenie-Star Justin Bieber. Er sieht die Sache positiv. Die Hilfsorganisationen sollten ihren Neid überwinden und mit ins Boot springen. Sich etwas abschauen daran, wie man die jungen Massen mobilisiert:

Invisible Children has discovered what the entertainment industry figured out a decade ago. It’s not about us old timers. It’s not people who read the Philip Roth or contribute conscientiously to their pension fund. It’s about the under 25s, maybe even the under 15s. It’s about the kids. That’s why there are a couple dozen TV shows about teenage vampires. That’s why we have Jedward.

“Wir sehen uns als Pixar der Menschenrechts-Stories”

Wie das geht, erklärte IC-Gründer Jason Russel jüngst selbst der New York Times: IC sehe sich selbst als “Pixar der Menschenrechts-Stories”.

“No one wants a boring documentary on Africa,” he said. “Maybe we have to make it pop, and we have to make it cool.”

Doch dieser Ansatz birgt Probleme in sich. Natürlich ist wahr, dass kein 500-seitiges UN-Resolutionspapier mit nuancierter Problembeschreibung je viral ging. Um die Generation Twitter zu mobilisieren, braucht es einfache, hochemotionalisierende Stories, die in schicker Optik und schnellen Schnitten erzählt werden. Eine Schilderung, die einen Superbösewicht, ein einfach zu lösendes Problem (Bösewicht töten!) und den Zuseher als Retter präsentiert.

So schreibt der Harvard Researcher Ethan Zuckerman:

The Kony story resonates because it’s the story of an identifible individual doing bodily harm to children. It’s a story with a simple solution, and it plays into existing narratives about the ungovernability of Africa, the power of US military and the need to bring hidden conflict to light.

Diese Stories aber haben das Problem, dass sie so einfach sind, dass sie falsch sind. Und die Lösung, die sie präsentieren, funktioniert schlicht und einfach so nicht.

Zuckerman:

I’m starting to wonder if this is a fundamental limit to attention-based advocacy. If we need simple narratives so people can amplify and spread them, are we forced to engage only with the simplest of problems? Or to propose only the simplest of solutions?

Schädliche Mobilisierung

“Hauptsache es wird etwas getan”, mag jetzt so mancher denken. Auch das ist aber zu kurz gegriffen. Falscher Aktionismus kann mehr Probleme schaffen, als gar keine Hilfe, geben Kritiker zu bedenken. Zum Beispiel unterstützt das Video das korrupte Museveni-Regime und seine gewalttätigen Truppen.

Während es also stimmt, dass in der Generation Twitter ein unglaubliches Mobilisierungspotenzial für humanitäre Anliegen steckt, besteht die Gefahr, dass sie in eine unproduktive oder schädliche Richtung mobilisiert wird. Zu erwarten ist aber – sowohl Vor- als auch Nachteil – das Joseph Kony in einer Woche seine Warhol’schen Berühmtheitsminuten hinter sich gelassen haben wird, und die Kampagne wieder in den Untiefen des Internets verschwinden wird.

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